Geist Kopf

Die Entstehungsgeschichte von Weißes Blut

Der Anfang

Alles begann auf einem Spaziergang durch das nordfriesische Vorland im Frühjahr 2004. Während dieses langen Ganges überlegte ich, aufgrund einer Anfrage eines Theaters, ob man die Handlung von Bram Stokers Dracula in eine norddeutsche Kleinstadt verlegen könnte.

Wie vielleicht bekannt, reist Dracula mit einem Schiff nach London. Dort hat er Häuser erworben. In der Anonymität der Großstadt will er ungestört seiner Blutlust nachgehen. Dieser Aspekt funktioniert natürlich in einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, jeder Fremde mißtrauisch beäugt wird, nicht.

Was aber, wenn der Vampir schon immer da ist? Wenn er ein fester Teil der Gesellschaft ist? Das schien mir eine gute Idee für einen Plot: Einfach die Situation umzudrehen - der Fremde ist der Vampirjäger, der sich mit dieser Stadt auseinandersetzen muß.

Es blieb die Frage, warum ein Vampir, von dem notwendig alle wissen, in der Stadt geduldet wird... Die sehr sympathische Eigenschaft der Norddeutschen, Menschen erst einmal in Ruhe zu lassen und so zu nehmen, wie sie sind, schien mir als Motiv nicht ausreichend.

Und so entstand die Idee von Broiversum: Einer kleinen Stadt etwas nördlich von Husum (wenn Sie es jetzt nachschlagen wollen: der Ort ist natürlich fiktiv), die mit ihrem Vampir einen Handel abschlossen haben: Sie schauen weg, akzeptieren sein Treiben, vertuschen es, wenn nötig, und profitieren dafür vom Reichtum und von der Macht des Vampirs.

Der Schauplatz: Broiversum

So wurde also Broiversum geboren: Ich begann, mir einen inneren Plan der Stadt zu zeichnen. Einen Hafen sollte sie haben, einen Marktplatz, eine Dorfschänke, und nicht zuletzt, ein kleines Amtsgericht. Die deutsche Justiz mag mir den recht freien Umgang mit dem deutschen Rechtspflegewesen verzeihen.

Sollten die Leser einzelne Gebäude oder die Geographie beim Lesen wiedererkennen: Ich habe mir das eine oder andere aus den Städten Husum, Tönning, Garding und St. Peter-Ording ausgeborgt.

Die Zeit: 1921

Mir war klar, dass die Geschichte eine gewisse zeitliche Distanz benötigt. Und für die Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg habe ich schon immer eine Schwäche gehabt: Höchste Kultur traf auf eine bittere wirtschaftliche Situation, es war die Zeit des Umbruchs, in der bereits der Keim für die Zeit des Nationalsozialismus gelegt wurde.

Zudem gab es in dieser Zeit unglaubliche Verbrechen, die sich heute kaum jemand vorstellen kann: Die Massenmörder Harmann und Schumann zum Beispiel.

So entschied ich mich für diese Zeit. Und für einen Protagonisten, der, wie er glaubt, aus der Hölle der Großstadt Berlin, in die ländliche Idyll flieht.

Dramatis Personae

Die Stadt war rasch bevölkert: Honoratioren wie den Bürgermeister, den Rechtsanwalt und den Arzt der Stadt, Fischer, Hafenarbeiter, Landwirte, Hauspersonal, Händler, die Wirtin des "Rostigen Ankers", eine seltsame alte Frau, die alle nur "Die Herrin" nennen, ein wenig mißtrauisch betrachtet, wenn sie auch Ihr Vermögen für die Stadt ausgibt... und natürlich meinen Vampir. Über den ich an dieser Stelle nichts verraten möchte.

Doch wie sollten die Vampirjäger sein? Schon bei Dracula ist einer der Protagonisten, Jonathan Harker, Jurist. So erfand ich den jungen Amtsrichter Jonathan Hansen, den es, zusammen mit seiner hübschen Frau Katharina, nach Broiversum verschlägt. Doch es fehlte noch der eigentliche Jäger: So erfand ich einen jungen Arzt, den ich, ebenfalls in einer Hommage an den bekanntesten aller Vampirromane, Mies van Helsing taufte. Natürlich gibt es für diese seltsame Namensgleichheit auch einen Grund in der Geschichte - doch diese Pointe ist zu schön, als dass ich sie hier verraten möchte.

Hinzu kam noch eine weitere hübsche, junge Frau, die Tochter des Bürgermeisters: Zugegeben, ich habe sie nur erfunden, um sie umzubringen.

Und so waren die Figuren komplett für meine kleine Spielanordnung.

Der Stil

Sie werden es schon gemerkt haben: Das Buch ist von den Klassikern der Vampirliteratur beeinflusst. Und so flossen viele Motive (vom dramatischen Auftritt der warnenden alten Frau bis hin zu historischen Krankheitsbildern des Vampirismus) in das Buch ein. Dann und wann eine Pastiche, wollte ich eine Hommage an die Großen der unheimlichen Literatur von Stoker über LeFanu bis hin zu Theodor Storm schreiben. Kenner mögen vielleicht einen Spaß daran haben, die vielen kleinen Anspielungen im Text zu finden.

Gleichzeitig wollte ich aber eine spannende Geschichte schreiben - mit Action, Liebe, Trauer und einem gerüttelt Maß an Humor. Ich hoffe, das ist mir gelungen.

Das Theaterstück

Zunächst entstand, wie es der ursprüngliche Plan war, ein Theaterstück, das zwar zunächst sehr wohlwollend aufgenommen, aber dann doch nicht gespielt wurde. Ein Dramaturg des Hamburger Ohnsorg-Theaters, Frank Grupe, der den Stoff sehr mag, meinte, das wäre doch auch ein Romanstoff - und so war die Idee des Romans geboren.

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Der Roman

Endlich Platz für all die Ideen, die ich hatte - denn in einem zweistündigen Theaterstück ist man vom Personal und von der Handlung her sehr begrenzt: Ich warf mich mit ziemlicher Verve in die Romanfassung, erfand Handlungen hinzu und konnte endlich auch das Ende realisieren, das mir vorschwebte: So entstand in etwas mehr als sechs Wochen die erste Fassung, der noch acht weitere folgen sollten, bis der Roman seinen Verlag gefunden hatte.

Ich hoffe, ich habe Ihnen Lust gemacht, Weißes Blut jetzt zu lesen.

  © 2006 by Helmut Barz, letztes Update 28. Mai 2006