Geist Kopf

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Prolog: Bahnfahrt nach Broiversum

»Kehren Sie sofort um!«

Die Stimme der alten Frau zerschnitt die stickige Luft des Bahnabteils. Was auch immer Jonathans Frau Katharina erwartet hatte, als sie stolz ihren Mann als den ›neuen Amtsrichter von Broiversum‹ vorstellte – das sicher nicht.

»Kehren Sie um, bevor es zu spät ist. Broiversum ist… kein guter Ort.«, fuhr die alte Frau fort und umklammerte ihre Handtasche so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Während Jonathan noch überlegte, was er sagen sollte, ergriff Katharina das Wort. Beruhigend legte sie die Hand auf den Arm der Frau. »Broiversum ist sicher nicht…«

Mit einer schroffen Bewegung machte sich die Angesprochene los: »Seien Sie nicht so keck, junge Dame. Sie wissen nicht, wovon Sie sprechen.«

Sie wandte sich an Jonathan: »Und Sie – wenn Ihnen das Leben Ihrer jungen Frau lieb ist, beherzigen Sie meinen Rat. Fahren Sie zurück nach Hamburg…«

»Berlin…«, korrigierte Jonathan konsterniert.

»Berlin. Noch besser. Nur möglichst weit weg von diesem Ort. Broiversum ist verflucht. Ihre Frau wird dort umkommen.«

»Ich wüsste nicht, was Sie das Ziel unserer Reise angeht. Und wenn Sie weiter meiner Frau Angst machen…«, fauchte Jonathan.

»Nicht so ungestüm. Sie werden noch an mich denken.«, wies ihn die alte Frau zurecht. Der Blick ihrer eisgrauen Augen und ihre scharfe Stimme brachten Jonathan zum Schweigen.Sie wandte sich an Katharina und sprach beschwörend auf sie ein: »Wenn Sie schon… dorthin fahren, dann seien Sie vorsichtig. Halten Sie nachts die Türen und Fenster fest geschlossen. Lassen Sie niemanden ein, den Sie nicht kennen.«

Katharina hob beschwichtigend die Hand: »Ich habe in Berlin gelebt…«

»Berlin ist nicht Broiversum. Die kleinen Städte können in ihrer Friedfertigkeit täuschen – beherzigen Sie meinen Rat, wenn Sie schon unbedingt nach… – in diese Stadt fahren müssen.«

Sie begann in ihrer Handtasche zu suchen, bis sie schließlich etwas hervorzog, das wie ein verknotetes Stück Seil aussah, das zu lange im Meerwasser gelegen hatte. »Nehmen Sie das!«

Sie gab es Katharina, die es fragend in den Fingern drehte. Jonathan wollte etwas sagen, doch mit einem Blick brachte ihn seine Frau zum Schweigen.

»Was ist das?«, fragte sie freundlich.

»Das ist ein Roibenknoten. Es ist… so etwas wie ein Talisman. Man sagt, das Böse müsse den Knoten erst lösen, bevor es seinem Besitzer etwas anhaben kann. Vielleicht gibt er Ihnen etwas Schutz. Und das hier…«

Sie gab Katharina ein kleines Beutelchen. »Das hier… verstreuen Sie es vor ihren Fenstern und Türen. Sonnenblumensamen. An ihnen werden sie die Gefahr rechtzeitig erkennen. Und denken Sie an meine Worte – besser wäre es, sofort umzukehren. Broiversum ist ein verfluchter Ort.«

Zu Jonathans großer Überraschung bedankte sich seine Frau freundlich für die befremdlichen Gaben und verstaute sie sorgfältig in ihrer eigenen Handtasche. Erleichtert versank die alte Frau in Schweigen.

Jonathan atmete innerlich auf, als die alte Frau an der nächsten Station ihren Korb aus dem Gepäcknetz holte und die Kabine verließ. Als der Zug sich endlich wieder in Bewegung gesetzt hatte, fing Katharina an zu lachen.

»So fangen Schauerromane an.«

 

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  © 2006 by Helmut Barz, letztes Update 28. Mai 2006